Eigenwilligkeit fordert
die Kunst heraus


Von Friederike Voß
Leonberger Kreiszeitung, 18. August 2004
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Der Pilz, der vergangenes Jahr den Umbau um Monate zurückgeworfen hatte, ist besiegt, der Estrich ist so gut wie trocken, die Fassaden sind geschlossen und Fenster, Türen und Glasvorbau eingesetzt:

Am Sonntag, 19. September, soll der Galeriebetrieb in der ehemaligen Scheune an der Zwerchstraße beginnen. Der Galerieverein Leonberg hat für seine erste Präsentation in dem renovierten Fachwerkbau nach mehrmaligem Verschieben des Eröffnungstermins seine ursprüngliche Idee aufrecht erhalten können. Er präsentiert den international renommierten, aus Ravensburg stammenden Bildhauer und Zeichner Robert Schad und den vor allem regional bekannten Leonberger Zeichner Rolf Sauerwein in einer gemeinsamen Schau.

Die Galeriescheune, das zeigt sich bereits vor ihrer Eröffnung, wird Heraus-forderungen an Künstler und ihre Arbeiten stellen. Schließlich ist sie kein weißer Kubus, von dem viele Ausstellungsmacher träumen. Sie ist kein neutraler Raum, mit dem sich fast alles anstellen lässt. Die Leonberger Architektin Gabriele Dongus-Krämer hat - auch gemäß den Auflagen der Denkmalschützer - bei aller Modernisierung der Scheune ihren Charakter, ihre Balken, die rohen Bruchsteinmauern oder den freien Blick ins Dach gelassen. Nach der Maxime: Was erhalten werden kann, wird erhalten. Was neu ist, soll man erkennen können. So laufen einfache Stahlgitter im Obergeschoss an der offenen Galerie entlang. Die Treppe ist aus Stahl und Sichtbeton, ebenso die Mauern des Fahrstuhlschachtes. Das sind alles - vor allem im Zusammenspiel - keine neutralen Materialien. Die Eigenwilligkeit des Raumes bleibt erhalten und prägt auch die Ausstellungen. Das muss kein Nachteil sein, zumal solche widerständigen Räume manchen Künstler herausfordern. Den Beweis bringt erst die Praxis, auch den, ob die Eingangstür zur Zwerchstraße, die scheinbar den Umriss des Scheunentores aufnimmt, tatsächlich groß genug ist, um ausladende Skulpturen und Bilder in die Scheune zu bringen.

Derzeit verkleiden Handwerker die Wände mit Spanplatten, die dann geweißt werden. So können auf ihnen Bilder gezeigt werden. Und die Decken nehmen zwischen den alten und zum Teil erneuerten Balken die Neonröhren, Kabel und andere Leitungen auf. Sie werden nur mit Rosten, die leicht zu entfernen sind, abgehängt. So bleibt auch hier das sichtbar, was nicht zum historischen Bestand der 1814 erbauten Scheune gehört. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss bleiben der Kunst vorbehalten. Das zweite Obergeschoss ist für die Verwaltung reserviert, das Dachgeschoss für Technik und Depot. Ein Aufzug zieht sich hoch, denn im zweiten Geschoss befindet sich die behindertengerechte Toilette.

Kaum jemand sieht die Rückseite der Scheune. Hier versteckt sich ein kleiner Garten, der durch einen sich von unten bis oben durchziehenden Glasvorbau von innen sichtbar ist. Skulpturen sollen da stehen. Natürliches Licht fällt so in das Gebäude, das als ehemaliges landwirtschaftliches Nutzgebäude kaum Durchblicke gewährt. Der Architektin ist das recht so, denn mit künstlichem Licht sei besser umzugehen. Andernfalls müsse für bestimmte Ausstellungen immer wieder abgedunkelt werden. Das aber entfällt in der Galeriescheune, die sogar ein kleines Café im Erdgeschoss beherbergt.

Ohne eine Vielzahl von Sponsoren, die mit Geld- oder Sachspenden das ehrgeizige Unternehmen unterstützt haben, wäre übrigens der Verein wohl nicht in der Lage gewesen, das Bauvorhaben zu stemmen.


Auch ohne Ausstellungen im Gespräch geblieben

Da die Museumsscheune nach dem so genannten Leonberger Modell finanziell zu gleichen Teilen von der Stadt und dem Galerieverein getragen wird, stellt die Stadt Leonberg gleich nach der ersten Ausstellung des Galerievereins mit dem Bildhauer Robert Schad und dem Grafiker Rolf Sauerwein (ab 19. September) ihre erste Ausstellung in dem restaurierten Haus vor. Kulturamtsleiterin Christina Ossowski zeigt ab 7. November Arbeiten der in Leonberg geborenen und in Karlsruhe arbeitenden Malerin und Fotografin Karin Kieltsch.

Seit Ende 2002 steht der Galerieverein ohne Ausstellungsräume da. Eigentlich sollte die Scheune - mit nur einer kleinen Pause dazwischen - im Mai 2003 in Betrieb genommen werden. Die üblichen Bauverzögerungen und vor allem jener Pilz, der die Balken plötzlich mit weißem Flaum überzogen hatte, sorgten dafür, dass der Eröffnungstermin mehrfach verschoben wurde. Unter anderem dadurch bedingt stiegen die Kosten für den Bau: Zu den ursprünglich rund 1,07 Millionen Euro, die Stadt und Galerieverein sich teilen, schlugen der Pilz und Kosten für zusätzliche Arbeiten sowie die Mehrwertsteuer mit 128 000 Euro zu Buche. Auch da hatte sich der Gemeinderat im September 2003 bereit erklärt, 64 000 Euro zu übernehmen.

Doch in den eindreiviertel Jahren waren die Mitglieder des Galerievereins nicht faul. Zum einen mussten sie sehen, dass sie zusätzliches Geld in ihre Kasse bekommen. Und zum anderen sollten ihre bisher geleistete Arbeit und ihr eigentliches Anliegen, die Kunstszene zu beleben, nicht in der Versenkung verschwinden. So entstand die Idee, zusammen mit dem Stadtverband für Kultur einen Leonberg-Schirm auf den Markt zu bringen, den der direkt neben der Galeriescheune wohnende Künstler Hans Mendler gestaltet hatte. Und so entstand auch die Idee, dass Kunstsammler ihre Lieblingsbilder vorstellen. Füür diese Gesprächsabende über Kunst stellte die Christian-Wagner-Gesellschaft ihr Haus in Warmbronn zur Verfügung.

VfB-Präsident und Mitglied des Galerievereins, Erwin Staudt, hatte im November letzten Jahres bereits in der Scheune, die noch im Rohbau war, Kunst für den Verein versteigert. Und im Januar hatte die Schweizer Künstlerin Irene Naef mit ihren Videoinstallationen ein Wochenende lang erstmals die Scheune als Ausstellungsraum ausprobiert. Im März hatte der Galerieverein zu einem künstlerisch-musikalischen Abend mit dem Kirchenmusiker Willibald Bezler in die Steinturnhalle eingeladen. Zuletzt dann gestaltete der Verein im Juli eine Soirée im Pomeranzengarten.

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