Voller Leidenschaft für die Direktheit des Lebens

Klassische Moderne im Leonberger Galerieverein:
Eine Hommage an den Maler Paul Kleinschmidt zu dessen 125. Geburtstag
Artikel aus der Leonberger Kreiszeitung vom 18.06.2008


Leonberg. Manch einer mag sich verdutzt die Augen reiben: Die neue Ausstellung im Galerieverein ist so ganz anders als das, was dort zumeist zu sehen ist. Das bedeutet freilich nicht, dass sie weniger lohnend wäre. Im Gegenteil, werden doch Werke von Paul Kleinschmidt gezeigt.

Von Martina Zick

Es ist ein Ausflug in die Klassische Moderne, zu dem die Kulturamtsleiterin Christina Ossowski mit der Ausstellung zum 125. Geburtstag von Paul Kleinschmidt einlädt. Entsprechend "museal" ist, im Vergleich zu den Schauen aktueller Künstler, die Atmosphäre. Das Auge kann schwelgen: In üppig Rubens"schen Körperformen, in kräftigen, dick aufgetragenen Farben, in detailreicher, dabei keineswegs fitzeliger Ausstattung; kurz: Im Leben in seiner ganzen Direktheit. Gleich beim Eintreten wird der Besucher von einem dieser drallen Bilder begrüßt: "Theaterpause" aus dem Jahr 1930, das bis jetzt nur selten öffentlich zu sehen war. Es zeigt zwei barock-lebensfüllige Frauen im Gespräch.

Dass es präsentiert werden kann, ist, wie die gesamte Ausstellung, Karl Geibel zu danken. Der frühere Redaktionsleiter der Leonberger Kreiszeitung kennt Kleinschmidts Familie seit langem und hat den Kontakt zur Paul-Kleinschmidt-Gesellschaft Ulm hergestellt. "Alleine", bekennt Christina Ossowski, "hätte ich mir das nicht zugetraut." Aus fünf Sammlungen, zwei öffentlichen und drei privaten, wurden die Exponate zusammengetragen; insgesamt mehr als 50 Stücke.

Frauen im Raum - eben in der Theatergarderobe, im Bad, in der Bar, im Café - ist dabei eines der Themen, das sich durchzieht. Magersüchtige Modells sind Kleinschmidts Sache nicht; sogar seine Tänzerinnen sind Matronen, weit entfernt von der Feenhaftigkeit Degas"scher Ballerinen. Seine Frauenleiber sind von ausladender Wucht und stofflicher Präsenz, wenngleich der Maler sie oft auch in engen, ja intimen Alltagssituationen zeigt, in Momenten der Ruhe und Entspannung. Dabei durchaus vulgär und provozierend, wie etwa beim "Frauenbad" von 1923, auf dem drei ältere Frauen zu sehen sind, deren eine, auf einem Eimer sitzend, dem Betrachter ihr nacktes Hinterteil entgegenstreckt. Immer wieder musste Kleinschmidt auch seine - ebenfalls korpulente - Frau Margarete Modell stehen, die er für diese Zwecke voller Begeisterung mit Schuhen oder anderen Kleidungsstücken ausstattete, erzählt Ossowski.

Es ist diese Seite Paul Kleinschmidts, die stets Vergleiche mit Max Beckmann hervorruft. Wobei schon George Grosz 1959, zehn Jahre nach Kleinschmidts Tod, deutlich machte, dass er "mit diesem Vergleich nicht einverstanden" sei. Grosz hielt Kleinschmidts Bilder für "sinnlicher, empfindsamer, weniger kalkuliert und nicht so mystisch" wie die Beckmanns. Zudem lässt sich Kleinschmidts Oeuvre nicht auf Bilder "Zwischen Bar und Boudoir" beschränken, wie sie 2003 bei einer so betitelten Ausstellung in Ulm im Vordergrund standen. Das deutlich zu machen, ist eines der Anliegen der Leonberger Schau, erklärt Ossowski: "Wir wollten nicht nur den Halbweltmaler zeigen." Vielmehr soll die Vielfalt der Themen und Darstellungsweisen gezeigt werden, sollen Arbeiten aus allen Schaffensphasen in den Blick rücken.

Und so finden sich im Kabinett beispielsweise viele kleine Druckgrafiken, vor allem Radierungen, sowie drei frühe Gemälde. Das Besondere an den Drucken ist unter anderem, dass es oft als "Probe" deklarierte Einzelstücke sind, Kleinschmidt sie also nicht in Serie herstellte. Oft sind sie im thematischen Zusammenhang zu den Bildern entstanden. Zudem gehören zum Werk des Malers Stillleben, Stadt- und andere Landschaften sowie Porträts. Eines zeigt den Sammler Wilhelm Bilger, einen der wichtigsten Förderer und Unterstützer des Künstlers, auch in schwieriger Zeit. Aus dessen Bestand stammt unter anderem das letzte Bild, das Paul Kleinschmidt 1949 gemalt hat; ein Käsestillleben. Es ist in Leonberg ebenfalls zu sehen.


Die Ausstellung im Leonberger Galerieverein (Zwerchstraße 27) wird am Freitag, 20. Juni, um 19.30 Uhr eröffnet. Karl Geibel führt in Paul Kleinschmidts Werk ein. Für die Musik sorgt das Trio LiteraMus mit Liedern aus dem Berlin der Zwanziger Jahre. Die Ausstellung ist bis 3. August zu sehen, geöffnet dienstags bis donnerstags und am Wochenende von 14 bis 18 Uhr.

Presse